Plagen
Und sie kamen über ganz Ägyptenland und ließen sich
nieder überall in Ägypten, so viele, wie nie zuvor gewesen
sind noch hinfort sein werden. Denn sie bedeckten den Erdboden so
dicht, dass er ganz dunkel wurde. Und sie fraßen alles, was
im Lande wuchs, und alle Früchte auf den Bäumen, die der
Hagel übrig gelassen hatte, und ließen nichts Grünes
übrig an den Bäumen und auf dem Felde in ganz Ägyptenland.“
Im Zweiten Buch Mose der Bibel werden die Heuschrecken als achte
Plage beschrieben, mit der Gott den ägyptischen Pharao zur
Freilassung der jüdischen Sklaven bewegen wollte. Schon seit
vorgeschichtlicher Zeit werden menschliche Siedlungen von Schwärmen
der Wanderheuschrecken heimgesucht, die durch ihre zerstörerische
Gefräßigkeit katastrophale Hungersnöte auslösten.
Einige afrikanische Stämme nennen die Wanderheuschrecken daher
auch „die Zähne des Windes“.
Als Wanderheuschrecken bezeichnet man die zehn Arten in der Familie
der Feldheuschrecken, die unter bestimmten Umständen als zerstörerische
Schwärme über das Land ziehen. Während der Plagen
können bis zu 60 Länder in Afrika, im Nahen Osten und
Südwestasien betroffen sein und einige Schwärme schaffen
es sogar bis Südfrankreich, Zypern und Portugal. Aus Mitteleuropa
sind Schwärme von Wanderheuschrecken von Ungarn bis nach Süddeutschland
aus der Wärmeperiode des Hochmittelalters überliefert.
Massenhaft vermehrte sich in Deutschland zuletzt die Schönschrecke
Anfang der 30er Jahre. Ihr Auftreten wurde durch chemische Mittel
eingedämpt.
Heute auftretende Heuschreckenschwärme können bis zu einer
Größe von mehreren hundert Quadratkilometern anwachsen.
In einem solchen Schwarm sammeln sich auf jedem Quadratkilometer
etwa 40 bis 80 Millionen Exemplare. Ein solcher Schwarm kann bei
der Nahrungssuche an einem Tag mehr als 100 Kilometer zurücklegen
und ist kaum zu stoppen. Die vermutlich größte dokumentierte
Heuschreckenplage wurde 1784 in Südafrika beobachtet. Mehr
als 300 Milliarden Insekten bedeckten mehr als 3000 Quadratkilometer
Land und fraßen jeden Tag rund 600.000 Tonnen Grün. Der
Wind trieb den Schwarm auf das offene Meer hinaus. Als die toten
Fressmaschinen mit der Flut wieder an Land gespült wurden,
bot sich ein unglaubliches Bild: Die unfassbare Menge der Tiere
türmte sich am Strand auf einer Länge von 80 Kilometern
über einen Meter hoch auf.
Biologen und Verhaltensforscher fanden heraus, worin die Ursache
dieser verheerenden Schwärme liegt. Solange die Heuschrecken
in normaler Anzahl zusammen leben, sind sie ortsgebunden und leben
einzeln. Zeigen sich bestimmte ökologische Bedingungen wie
hohe Temperatur, lockere Bodenbeschaffenheit und Regen, wird die
Entwicklung der Eier so begünstigt, dass die Larven- und somit
Heuschreckenanzahl stark ansteigt. Ab einem bestimmten Verhältnis
von Individuen und verfügbarer Fläche werden Nachkommen
hervorgebracht, die sich von der Ausgangspopulation sowohl äußerlich
als auch im Verhalten unterscheiden. Wenige Generationen später
hat sich eine Wanderform herausgebildet, die größer und
dunkler ist und über auch über größere Flügel
verfügen. Die äußerlichen Unterschiede zwischen
den einzeln lebenden und den schwärmenden Heuschrecken sind
so prägnant, dass man bis in die 1920er Jahre glaubte, dass
sie verschiedenen Arten angehören. Wenn es zu eng für
die Population wird, beginnt sie zu wandern. Wissenschaftlern der
Universität Oxford ist es gelungen, eine Stelle an den Hinterbeinen
der Tiere auszumachen, die als Auslöser für den Wandermechanismus
dienen könnte. Bei Stimulation der Härchen an dieser Stelle
zeigten die Tiere Schwarmverhalten, gesteuert durch Pheromone. Wenn
die Tiere häufig Berührungsreize von Artgenossen an ihren
Hinterfüßen empfangen, weil sie in dichter Menge umherlaufen,
wird der Schwarmmechanismus ausgelöst.
Wenn sich der Schwarm in die Lüfte erhebt, ändert er seine
Flugrichtung nicht mehr, denn die Tiere passen ihr Verhalten aneinander
an. Es ist daher äußerst schwierig, eine dieser riesigen
Insektenwolken zu stoppen. Immerhin gibt es einen Forschungsansatz,
der das Lenken der Schwärme ermöglicht. Israelische Forscher
haben nämlich herausgefunden, dass Heuschrecken Wasser und
andere Flächen, die das Licht geordnet zurückwerfen, meiden.
Sie suchen stattdessen nach Gegenden, die das Licht diffus zurückwerfen,
wie es trockene Landregionen tun. Wasserflächen oder Plastikschilder
könnten in Zukunft größere Schäden durch Heuschrecken
verhindern, indem man die Tiere von landwirtschaftlichen Flächen
ablenkt. Bisher setzt man auch hoch dosierte Kontaktpestizide ein,
die aus der Luft auf die Tiere versprüht wurden. Der Einsatz
der Insektengift versprühenden Flugzeuge ist allerdings sehr
kostspielig.
|